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Die Vergessenen

Die Vergessenen

Aktuell recherchiere ich viel zu einem Thema, welches lange Zeit keine große Beachtung gefunden hat. Als ich meiner Dozentin das Thema vorschlug und es mit einigen Kommilitonen bzw. Kommilitoninnen kontrovers diskutierte, wusste ich nicht, das es in der darauffolgenden Woche bereits von vielen Medien offensiv aufgegriffen werden sollte.

Es geht um „den 175er“, also den ehemaligen Paragraphen 175 des StGB, den sogenannten „Schwulenparagraphen“. Das Feature ist noch nicht geschrieben, da die Zeitzeugengespräche erst in der nächsten Woche stattfinden werden, dennoch einiges dazu jetzt schon vorab hier. Was wurde eigentlich aus den Männern, die nur durch Liebe zu einer Person des selben Geschlechts vom Staat verfolgt wurden?

Zuerst möchte ich mich wirklich sehr bei Dominik Lennartz, Fabian Spieß, Christian Robyns, Georg Roth, Ansgar Drücker und vielen anderen Bedanken die ich jetzt vermutlich vergessen habe – nehmt es mir bitte nicht all zu übel, für die außerordentlichen Hilfe bei der Recherche. Die nicht einfach ist, da es um ein sehr persönliches und emotionales Thema geht. Vielen Dank, dass ihr mir mit eurer Hilfe die Chance gebt über etwas zu schreiben, dass viel zu lange nicht öffentlich besprochen wurde.

Der Paragraph 175 StGB, der mit dem Inkrafttreten des Reichsstrafgesetzbuches am 01. Januar 1872 bis zum 11. Juni 1994 bestand hatte, stellte die sexuelle Handlung zwischen Männern unter Strafe. Insgesamt wurden in Deutschland in dieser Zeit etwa 140.000 Männer, durch die verschiedenen Fassungen dieses Gesetzes verurteilt. 

In der Kaiserzeit bedeutete eine Verurteilung mindestens einen Tag Haft und der Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte (u.a Aberkennung der Doktorwürde oder Entzug des Wahlrechtes.)

In der Weimarer Republik änderte sich wenig an der bestehenden Gesetzeslage. Die Zahl der Verurteilten stieg in den Jahren 1919 bis 1932 auf über 10.000.

Durch die Nationalsozialisten wurde der Paragraph weiter verschärft, die Repression des Staates ausgeweitet und Homosexuelle wurden ins Feindbild der Rassenlehre der Nazis einsortiert.

So hieß es dort nun:

㤠175 RStGB
(1) Ein Mann, der mit einem anderen Mann Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht missbrauchen lässt, wird mit Gefängnis bestraft.
(2) Bei einem Beteiligten, der zur Zeit der Tat noch nicht einundzwanzig Jahre alt war, kann das Gericht in besonders leichten Fällen von Strafe absehen.“

„ § 175a RStGB
Mit Zuchthaus bis zu zehn Jahren, bei mildernden Umständen mit Gefängnis nicht unter drei Monaten wird bestraft:
1. ein Mann, der einen anderen Mann mit Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben nötigt, mit ihm Unzucht zu treiben oder sich von ihm zur Unzucht missbrauchen zu lassen;
2. ein Mann, der einen anderen Mann unter Missbrauch einer durch ein Dienst-, Arbeits- oder Unterordnungsverhältnis begründeten Abhängigkeit bestimmt, mit ihm Unzucht zu treiben oder sich von ihm zur Unzucht missbrauchen zu lassen;
3. ein Mann über einundzwanzig Jahren, der eine männliche Person unter einundzwanzig Jahren verführt, mit ihm Unzucht zu treiben oder sich von ihm zur Unzucht missbrauchen zu lassen;
4. ein Mann, der gewerbsmäßig mit Männern Unzucht treibt oder von Männern sich zur Unzucht missbrauchen lässt oder sich dazu anbietet.“

[Anmerkung: mißbrauchen wurde durch missbrauchen und läßt durch lässt ersetzt].

Gleichzeitig mit der Gesetzesverschärfung wurde auch die Verfolgung verschärft. In den Konzentrationslagern der Nazis wurden bis zu 15.000 Personen mit dem „Rosa Winkel“ interniert.
Nach dem Krieg fanden sich Homosexuelle Männer aus Konzentrationslager im Gefängnis wieder, da ihre Haftstrafe noch nicht verbüßt war.

Die Strafverfolgung blieb nach dem 2 WK. Auf einem hohen Niveau, Homosexuelle wurden in den Jahren von 1945 bis 1969 systematisch und qualifiziert Verfolgt. Dies spiegelte sich in etwa 100.000 Anklagen und bis zu 50.000 Verurteilungen wieder. Alleine zwischen 1952 und 1962 wurden hierbei jährlich etwa 3000 Männer verurteilt. Mit den Menschen die unter dieser Form des §175 gelitten haben, werde ich mich im Feature dann genauer widmen.

In dieser Zeit war es durchaus üblich, dass der Arbeitsplatz verloren ging und die Wohnung gekündigt werden konnte.

1969 wurde das Strafrecht reformiert und auch der §175 wurde abgeändert

  • 175 StGB lautete fortan in der Fassung des Ersten Strafrechtsreformgesetzes:
    „(1) Mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren wird bestraft
    1. ein Mann über achtzehn Jahre, der mit einem anderen Mann unter
    einundzwanzig Jahren Unzucht treibt oder sich von ihm zur Unzucht mißbrauchen läßt,
  1. ein Mann, der einen anderen Mann unter Mißbrauch einer durch ein
    Dienst-, Arbeits- oder Unterordnungsverhältnis begründeten Abhängigkeit
    bestimmt, mit ihm Unzucht zu treiben oder sich von ihm zur Unzucht
    mißbrauchen zu lassen,
  2. ein Mann, der gewerbsmäßig mit Männern Unzucht treibt oder von
    Männern sich zur Unzucht mißbrauchen läßt oder sich dazu anbietet.
    (2) In den Fällen des Absatzes 1 Nr. 2 ist der Versuch strafbar.
    (3) Bei einem Beteiligten, der zur Zeit der Tat noch nicht einundzwanzig
    Jahre alt war, kann das Gericht von einer Strafe absehen.“

Damit wurde die „einfache Homosexualität“ straffrei. Allerdings gab es nun eine doppelte Altersgrenze die dem „Jugendschutz“ dienen sollte.

1973 wurde der §175 im Bundestag durch FDP und SPD erneut verändert:

  • „(1) Ein Mann über achtzehn Jahren, der sexuelle Handlungen an einem Mann unter achtzehn Jahren vornimmt oder von einem Mann unter achtzehn Jahren an sich vornehmen lässt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
  • (2) Das Gericht kann von einer Bestrafung nach dieser Vorschrift absehen, wenn
    1. der Täter zur Zeit der Tat noch nicht einundzwanzig Jahre alt war oder
    2. bei Berücksichtigung des Verhaltens desjenigen, gegen den die Tat sich richtet, das Unrecht der Tat gering ist.“

Damit war es Männern über 18 erlaubt einvernehmlich Sex zu haben. Für Frauen galt eine Altersschutzgrenze von 16 Jahren.

1994 wurde der §1994 endgültig aus dem StGB gestrichen. Siehe dazu das Protokoll des Deutschen Bundestages: http://dip21.bundestag.de/dip21/btp/12/12216.pdf

Heute – 2016 ist in breiten Teilen der Gesellschaft Homosexualität ein Tabuthema. Gerade in der Integrationsdebatte wird oft vom „Hass der Muslime gegen Schwule“ gesprochen. So weit ist es mit der Toleranz im eigenen Land noch nicht her, wenn man  von Toleranz sprechen darf. In Thüringen beispielsweise möchte die AfD Homosexuelle zählen lassen und in den USA ist vor wenigen Tagen ein Präsident gewählt worden, der offen gegen Homosexuelle und LGBTQIA im ganzen hetzt.

 

 

PhilGabriel

Hey, ich bin Phil – 26 Jahre alt, studiere Online-Redakteur an der TH Köln und blogge hier zu verschiedenen Themen aus Gesellschaft und Politik, sowie Fotografie und digitalem Zeug. Ein munteres Sammelsurium.

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